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Einführung in die Verfahrenstheorie

Wozu brauchen wir eine Verfahrenstheorie? Wozu überhaupt Theorie? Und wie kann, ja muß eine in sich selbst prozedurale Verfahrenstheorie aussehen? Den Grund wollen wir kurz in einem Bild illustrieren:

Stellen Sie sich vor, sie betreten eine Werkstatt, um in dieser zu arbeiten. Doch als sie den Raum betreten, stellen Sie fest, daß alle Werkzeuge in einem großen Haufen auf dem Boden liegen. Und zwar viele, richtig viele: nicht hunderte, sondern tausende; nicht nur von einem Gewerk, sondern alle möglichen Werkzeugtypen durcheinander – für Holz, Metall, Elektro … Bevor Sie anfangen, werden Sie also zuerst die Werkzeuge auf- und wegräumen müssen, und zwar so, daß sie jenachdem, was sie gerade machen, möglichst schnell das passende Werkzeug bei der Hand haben. Sie werden also kaum die Werkzeuge nach Größe. Gewicht oder gar nach Sympathie und Schönheit sortieren und ablegen, sondern nach Einsatzbereich und –häufigkeit.

Um diese praxeologische Taxonomie, also diese anwendungsorientierte Ordnung zu erreichen, müssen Sie verfahrenstheoretisch denken können. Sprich, Sie müssen Werkzeug- und Anwendungskunde zusammenbringen: Verstehen, welche Typen von Tätigkeiten, welche Typen von Werkzeugen erfordern – und wann, welche gerade nicht angewandt werden sollten. Erst wenn sie Ihre Werkstatt so aufgeräumt haben, werden Sie professionell und effektiv arbeiten können.

Genau darum geht es auch in der VT: Um das Erschließen und Nutzbarmachen tausender Tools, die in den vergangenen 20 Jahren in unterschiedlichsten Branchen und Milieus entwickelt wurden und nun irgendwo im Internet oder in verschiedensten Publikationen und Dokumentationen hinterlegt sind, und darauf warten entdeckt und auch angewandt zu werden. Und zwar nicht nur dort, worin sie ursprünglich erdacht wurden, sondern auch dorthin, wo sie aufgrund ihres Wirkungsprofiles, auch wirken können. Denn Verfahren, so wie Werkzeuge, lassen sich auch unabhängig von deren Entstehungskontext in ganz anderen Kulturen und Strukturen übertragen und anwenden.

Zweck von Theorie

Theorie als (gedankliches) Verfahren

Eine Theorie kann uns sagen wie etwas funktioniert oder funktionieren sollte. Im Gegensatz zu Gewohnheiten, bei denen wir direkt bei der Sache dabei sind und uns daraus unsere „Anleitung“ bilden, ist eine Theorie eine Vorstellungsleistung, bei der wir nicht einfach Dinge die wir aktuell erleben als so gegeben hinnehmen, sondern reflektieren wie genau und warum die Dinge so sind wie sie sind. Man steht also außerhalb der Dinge. Diese Reflexion ist der entscheidende Punkt der Theorie. Die zentrale Frage ist, welche Gründe es für die Phänomene die wir vorfinden, gibt.  Prozedural betrachtet ist eine Theorie eine Anleitung und somit eine gedankliche Prozedur. 

Theorie zwischen pragmatischer Alltagsregeln und abstrakter Universalformel

Wir haben oben Theorien als gedankliches Verfahren charakterisiert, als Anleitung für Gedanken. Theorien können und sollen allerdings auch Anleitungen für Handlungen sein. Ersteres entspricht der Taxonomie und letzteres der Praxeologie.

Theorie vs. Modell

Es gibt ein breites Spektrum von Theorien. Auf der einen Seite Theorien der Gewohnheit, ohne Reflexion. Man kann dies auch als „Mental Framework“ bezeichnen. Das Spektrum zieht sich dann aber bis zu den großen Metatheorien auf der anderen Seite. Dort wird die Gesellschaft oder gar das Leben pre- und rekonstruiert. Diese großen Theorien beanspruchen einen Wahrheitsanspruch, einen ewig universellen Geltungsanspruch. Sie kümmern sich auch um das Warum, erforschen Gründe. Warum passiert dieses, wenn jenes vorangeht. Das ist ein Vorsprung gegenüber jenen Theorien die nur feststellen: Jenes passiert und dieses resultiert daraus. Modelle kann man normalerweise als die Vorstufe zu einer Theorie begreifen. Theorien werden oft in Modelle übersetzt.

Welche Art von Theorie beansprucht die Verfahrenstheorie zu sein?

Die Verfahrenstheorie ist eher in der Mitte des oben aufgeführten Spektrums anzusiedeln. Sie versteht sich als Theorie mittlerer Reichweite. Sie geht, wie unten auch weiter ausgeführt wird, vom Verstehen zum Durchdringen.

Ziel einer Verfahrenstheorie

Vom Verstehen zum Verändern

Das Ziel einer Verfahrenstheorie ist der Ausgleich der beiden Seiten des oben beschriebenen Spektrums. Die Frage lautet: „Was fange ich jetzt mit dem Wissen an?“. Es geht also darum, das Problem erst zu durchdringen, in den Einzelheiten zu verstehen und dann eine Handlungsanleitung zu sein. Allgemein: Die Verfahrenstheorie hat den Anspruch eine Theorie für das Verstehen und Verändern durch ein Verfahren zu sein.

Theoretisches und praktisches Erschließen von politischen Verfahren

  • theoretisch: Taxonomie: Die Taxonomie ist das gedankliche und sprachliche Erfassen und Vermitteln von Verfahren. Sie ist also quasi die gedankliche Sprachfindung. Man könnte sie auch als Werkzeugkunde bezeichnen.
  • praktisch: Praxeologie: Die Praxeologie beschreibt das anwendende und gestalterische Entwickeln von und das Arbeiten mit Verfahren. Die Wekrzeugkunde wird also in die Praxis umgesetzt.

Gründe für Verfahrenstheorie

systematische

  • funktional: Versagen

Wir brauchen eine Verfahrenstheorie weil wir ein Steuerungsversagen haben. Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich gezeigt, dass der Staat alleine überfordert ist.

  • normativ: Bedarf

Welche Instrumente können wir dem Staat geben, damit er fortbesteht?

  • emphatisch: Bedürfnis

Grundrecht auf Partizipation, auf partizipative Kollaboration.

pragmatische

  • Fülle an Verfahren zugänglich machen

Für Problemlösungen gibt es schon viele Verfahren. Man hat also ein breites Spektrum an verschiedenen Möglichkeiten. Ein Ziel der Verfahrenstheorie ist es, im jeweiligen Fall zu helfen, das richtige Verfahren auszuwählen und anzuwenden.

# Beratungsleben einfacher machen FIXME

kategorisch

Neugierde des Durchdringens des Wesens von Verfahren

Die Essenz eines Verfahrens ist nicht betrachtet, sondern angewandt zu werden. Der eigentliche Grund einer Verfahrenstheorie ist es, zum guten Anwenden eines Verfahrens zu verlocken. Man soll sich zutrauen sogar komplexe Probleme durch kollaborative Verfahren anzugehen. Das geht am besten dadurch, dass man nicht nur auf der gedanklichen Ebene (Taxonomie) Verfahren besser verstehet, sondern dass es auch auf der praktischen Ebene (Praxologie) selbst ein Verfahren anbietet (Meta-Matching-Methode), wie man für konkrete Probleme, mit denen man konfrontiert ist, das passende Verfahren anwendet.

Schöpferische des kreativen Gestaltens und Spielens mit der Fülle an Verfahren FIXME

Fokus einer Verfahrenstheorie

Welche Art von Verfahren?

Der genaue Gegenstand der Verfahrenstheorie wird anhand einer Fokussierungskaskade eingegrenzt:

  • Die Verfahrenstheorie beschäftigt sich mit kommunikativen Verfahren im Allgemeinen.
  • Von diesen kommunikativen Verfahren behandelt sie aber nur die politischen, sozialen Verfahren im Besonderen.
  • Im Spezifischen jedoch werden ausschließlich kooperative, kollaborative und partizipative Verfahren behandelt.

Eingrenzen auf politische Verfahren (Fokussierung)

Die Verfahrenstheorie beschäftigt sich mit Problemlösungen im Bereich des Politischen. Um diese Spezifizierung nachvollziehen zu können, muss zunächst das Verständnis von Politik geklärt werden.

Sinn und Zweck von Politik

Wir unterscheiden zwei Definitionsweisen: 1) Politik ist das Verabschieden und Durchsetzen kollektiv verbindlicher Normen („Gesetze“) mittels des Gewaltmonopoles. Politik ist also staatliches Handeln. 2) Die zweite Definition ist die prozedurale, institutionelle Definition. Kollektiv verbindende Probleme werden angegangen. Wie gewinne ich andere dazu? Politik beginnt hier also in dem Moment, in dem ich als Person / Nation / Organisation ein Problem habe, welches ich alleine nicht zu lösen vermag.

Stile des Politischen

Warum sollte ich jemand anderem Helfen ein Problem zu lösen? Noch einmal: Politik beginnt in dem Moment, in dem eine soziale Einheit Probleme/Anliegen hat, die ihre eigene Kraft übersteigt. Beispielsweise sind die ersten Hochkulturen durch Zusammenschluss verschiedener Sippen entstanden, die gemeinsam Wasserwirtschaft betrieben.

Von Zwang über Kauf zu Beteiligung

Skala der Politischen Stile: (Von Extrinsisch bishin zu Intrinsisch)

  • Zwang – Probleme werden ex ante versucht zu lösen, indem man Gesetze und Regeln aufstellt. Die Durchsetzung erfolgt mittels Gewalt. Aus diesem Verständnis heraus hat sich die Institution Staat entwickelt (Gewaltmonopol). Das Verhältnis zwischen den Akteuren ist nicht reziprok, sondern unilateral und unnachhaltig. 
Dies ist die natürliche Art und Weise, wie wir Probleme lösen („Autoritäre Erziehung“, „Straight-on Strategie“).
  • Kauf – Hier wird sozusagen Marktwirtschaft betrieben. Es gibt keine „Versklavung“ mehr, sondern Bezahlung. Es ist ein neues universales Set von betriebswirtschaftlichen, ökonomischen Prozeduren entstanden. Man prügelt nicht mehr, man besticht. Das Verhältnis zwischen den Akteuren ist reziprok. (Oder: Belohnungssystem Erziehung).

→ Diese beiden 'extrinsischen' Strategien sind inflationär, denn die Motivation lässt stetig nach. Irgendwann sind die Mitarbeiter mit Geld als Belohnung nicht mehr zufrieden, sondern wollen Beteiligung:

  • Beteiligung (im Sinne von Mitsprache) – Die Zivilgesellschaft. Man stellt fest, dass die Gesellschaften/Unternehmen/Institutionen/… besser funktionieren, wenn die Leute sich beteiligen können und dass die Teilnehmer zuverlässiger, kreativer, effizienter und zugleich glücklicher sind wenn sie partizipieren. Manager und Politiker werden zu Moderatoren. Hier gibt es in der Praxis am wenigsten Erfahrung. Das Verhältnis zwischen den Akteuren ist reziprok (Ideell). Im Verhältnis zum Kauf und Zwang braucht dieses System am Anfang länger, um in Gang zu kommen.
  • Freundschaft - Faktisch läuft das meiste informelle über diese Ebene, sich helfen etc.

Es geht nun darum, das richtige Gefühl zu entwickeln, wann welche Strategie angebracht ist. Ist das Leitbild des Politischen der Staat, oder der Markt? Oder ist das neue Paradigma die Zivilgesellschaft?

Fazit: Verfahrenstheorie ist deshalb im engsten Sinne Politikwissenschaft, im Sinne gemeinsamer Problemlösungswissenschaft. Staatswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft sind Stile des Politischen. Aber sie Alle sind Teil des Prozeduralen.

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einfuehrung_in_die_verfahrenstheorie.txt · Zuletzt geändert: 2014/03/21 18:58 von benno
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